Kristijan Pejinovic will dem Sport eine schönere Verpackung verleihen (©Roscher)
04.08.2015 - Die TTF Liebherr Ochsenhausen lassen dieser Tage in vielerlei Hinsicht aufhorchen. Denn die Tischtennisfreunde setzen in der kommenden Saison auf ein noch jüngeres Team als im Vorjahr, wobei sie weiterhin die Früchte des Liebherr Masters Colleges ernten können, und bemühen sich, den Sport auch für Nicht-Tischtennisspieler in Szene zu setzen. TTF-Präsident Kristijan Pejinovic erklärt uns, welche Philosophie hinter dem Ochsenhausener Konzept steckt.
myTischtennis.de: Die vergangene Saison lief besser als die davor, trotzdem haben es die TTF Liebherr Ochsenhausen nicht in die Play-offs geschafft. Wie zufrieden waren Sie mit der Spielzeit?
Kristijan Pejinovic: Ich war mehr als zufrieden, zumal wir nicht damit gerechnet hatten, nur knapp an den Play-offs vorbeizuschrammen. Es war ein tiefer Einschnitt, als Ryu Seungmin ging. Wir haben daraufhin den jungen Hugo Calderano ins Team eingebaut, den damals noch keiner kannte, und so einen neuen Weg aufgezeigt, den wir zukünftig gehen wollen.
myTischtennis.de: Ein weiterer erfahrener ‚Leitwolf‘, Kirill Skachkov, steht Ihnen in der kommenden Saison nicht mehr zur Verfügung. Wie sehr wird er dem Team fehlen?
Kristijan Pejinovic: Seinen Weggang werden wir kompensieren. Simon Gauzy hat die Rolle des Leitwolfs schon ganz gut übernommen. Kirill hatte seine Hochs und Tiefs, er war leider recht unbeständig, warum auch immer. Vielleicht fühlte er sich in seiner Rolle, die unsere Trainer ihm vorgegeben hatten, nicht so wohl. Als Ältester sollte er zeigen, wohin es geht, und in brenzligen Situationen die Ruhe bewahren. Damit konnte er nicht so recht umgehen. Von daher hinterlässt er keine große Lücke.
myTischtennis.de: Dafür ist der junge Pole Jakub Dyjas jetzt im Team. Was erwarten Sie von ihm?
Kristijan Pejinovic: Er soll sich finden. Wir kennen ihn gut, er ist schon seit einiger Zeit bei uns im Liebherr Masters College. Aber es ist sein erstes Jahr in der TTBL, da tut man sich immer schwer. Er soll seinen Platz im Team finden und da reinwachsen.
myTischtennis.de: Hugo Calderano hat sich vorige Saison sehr schnell gefunden. Wie bewerten Sie seine erste TTBL-Saison?
Kristijan Pejinovic: Es ist fantastisch, wie er mit der Situation umgegangen ist - und das in seinem Alter. Er hat wichtige Punkte geholt und verfügt über eine mentale Stärke, die nicht jeder in diesem Alter hat. Jetzt hat er auch noch die Panamerika-Spiele gewonnen und sich sein Olympiaticket gesichert. Da spielen natürlich keine Weltmeister mit, aber seine Beständigkeit ist wirklich beeindruckend. Und er ist ja noch ein junger Spieler, der mitten in der Entwicklung steckt.
myTischtennis.de: Wissen Sie noch, was Sie gedacht haben, als er in seinem zweiten Spiel Timo Boll mit 3:0 besiegt hat?
Kristijan Pejinovic: Das war ein toller Moment. Timo war natürlich nicht hundertprozentig auf ihn vorbereitet. Aber als 18-Jähriger muss man einen Timo Boll auch erst einmal schlagen. Hugo hat kaum Fehler gemacht, war stark über die Rückhand und hat gezeigt, was in ihm steckt. Ich bin gespannt, wann wir wieder solch einen Kracher erleben. Unsere vier Spieler sind alle für Überraschungen gut.
myTischtennis.de: Und sie sind allesamt sehr jung. Warum gehen Sie diesen Weg und setzen nicht auf erfahrenere Spieler?
Kristijan Pejinovic: Wir haben hier in Ochsenhausen Strukturen entwickelt, die auf Hauptamtlichkeit setzen und uns erlauben, jeden Tag mit jungen Spielern zu arbeiten, ihre Fehler, Chancen und Risiken zu erkennen. Natürlich kann man erfahrene Spieler kaufen, aber das ist nicht unsere Philosophie. Große europäische Stars wie Waldner und Persson gibt es kaum noch - oder sie sind zu teuer. Wir wollen unsere Stars selbst kreieren und haben dafür das Liebherr Masters College ins Leben gerufen. Und in unserer Mannschaft bieten wir den Spielern eine Plattform, sich zu präsentieren. Klar, dass wir damit erst einmal keinen Titelregen erwarten können. Borussia Düsseldorf ist noch immer die Übermannschaft - und einen Timo Boll kann man auch nicht einfach klonen. Wir wollen daher ein Team entwickeln, das sich Chancen für die Zukunft erarbeitet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir wieder großartig Spieler dazukaufen werden. Das haben wir über 20 Jahre lang gemacht. Aber dann sind wir stehen geblieben, haben zurückgeschaut und erkannt: Irgendetwas scheint nicht mehr zu funktionieren. Wir haben einen neuen Weg eingeschlagen und verfolgen nun eine andere Philosophie.
myTischtennis.de: Das erste Mal sieht man Ihr junges Team in dieser Saison am 23. August gegen Vizemeister Fulda-Maberzell in Aktion. Die letzten drei Begegnungen verliefen allesamt sehr knapp und gingen mit 3:2 an Fulda. Wird da jetzt noch einmal ein Extra-Training gegen Abwehr eingelegt?
Kristijan Pejinovic: Ja, darauf werden wir uns natürlich speziell vorbereiten. Ab dieser Woche sind alle wieder da und haben bis zum Auftaktspiel in drei Wochen ein knackiges Trainingsprogramm vor sich. Ein guter Start ist natürlich wichtig, aber wir lassen uns nicht rausbringen, wenn es diesmal wieder nicht klappen sollte.
myTischtennis.de: Warum findet dieses Spiel in der ratiopharm Arena in Ulm statt?
Kristijan Pejinovic: Das hängt mit der großen Herausforderung zusammen, der sich unsere Sportart stellen muss. Oft wird hier noch in Turnvater Jahn-Gedächtnishallen gespielt. Aber die Leute wollen Entertainment, das ist kein Geheimnis und kann man auch in anderen Sportarten beobachten. Wir reduzieren im Tischtennis immer alles auf den Sport. Das ist an für sich auch richtig, aber wir wollen den Sport ja auch mit anderen teilen und erleben. Und dafür muss ich ihnen Tischtennis näherbringen und dafür sorgen, dass sie ihn richtig wahrnehmen. Der Sport soll nach wie vor die große Liebe sein, aber vielleicht mit einer anderen Verpackung, anders in Szene gesetzt! Wenn das Spiel in der ratiopharm Arena stattfindet, denkt vielleicht der eine oder andere: Da war ich schon mal beim Basketball oder auf einem Konzert - warum soll ich nicht mal auf ein Tischtennisspiel gehen? Wenn wir die Leute abholen, kommen sie auch mit. Davon bin ich überzeugt. Und auch für das Team ist es eine Wertschätzung, wenn wir solch eine Kulisse mit deutlich mehr Zuschauern bieten.
myTischtennis.de: Wie viel mehr Aufwand bedeutet das?
Kristijan Pejinovic: Deutlich mehr Aufwand. Das ist auch nicht jedem zuzumuten. Viele andere Vereine können das rein von der Manpower her nicht leisten. Aber die, die es können, sollten es zumindest einmal versuchen. Der Saisonstart ist etwas Besonderes, es sind noch Ferien, so dass wir mit normalen Ticketpreisen und Spitzensport in toller Atmosphäre gut auf uns aufmerksam machen können.
myTischtennis.de: Setzen Sie zu diesem Anlass auch auf ein größeres Rahmenprogramm?
Kristijan Pejinovic: Nein, es ist ja nicht so, dass der Sport nicht sehenswert wäre und wir deshalb Clowns, Cheerleader und Kinderschminken drumherum organisieren müssten. Wir wollen den Sport im Fokus lassen, planen aber schon mit ein paar Special Effects. Denn wenn wir schon einmal in der großen Arena sind, dann wollen wir auch ein bisschen damit spielen. Unser Rahmenprogramm sieht letztlich so aus, dass wir am 15. August ein Open Air-Event in Ulm veranstalten, mit dem wir die Leute an den Spaß erinnern wollen, den sie damals auf dem Spielplatz beim Tischtennis Spielen hatten. Denn viele kommen danach mit dem Sport einfach nicht mehr in Berührung. Und das, was sie da zum Spaß beim Open Air machen, können sie wenig später in Perfektion in der ratiopharm Arena beobachten.
Mehr Infos und Tickets für das Auftaktspiel finden Sie hier!
(JS)
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